Tief traurig - und tief zufrieden?!

Hallo meine Lieben,

 

gerade eben ist etwas komisches passiert. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll...

Also... es war eigentlich alles "okay". Ich war eben depressiv, aber das ist ja erstmal nichts besonderes. Bin mit meinem Hund also wie üblich in den Wald gefahren, um mit ihm gassi zu gehen, da war es ca 19.30h. Im Wald wurden die Depressionen irgendwie schlimmer, warum weiß ich auch nicht so genau. Vermutlich, weil ich zu viel über bestimmte Gespräche und Fragen nachgedacht habe, ich weiß es aber nicht so wirklich. Ich bin bis 22h im Wald geblieben und habe die ganze Zeit nur geheult... was eigentlich sehr befreiend war, auch wenn es sich so angefühlt hat, als würde mein Herz weh tun, weil ich so verzweifelt war... eben das typische "Ich will nicht leben, aber sterben darf ich auch nicht"-Gefühl. Ich konnte sogar richtig heulen, laut. Da hört und sieht mich ja sowieso niemand. Nur als es dunkel wurde, musste ich ja zurück, auch wenn ich gerne länger im Wald geblieben wäre, um meine Ruhe zu haben. Hab mir im Auto schnell die Augen gekühlt mit einer Fanta-Zero-Dose usw, damit meine Eltern nicht sehen, dass ich geweint habe. Sie fragen dann immer nach und wollen das alles wissen und Suizidgedanken sind nunmal ein kleiner Teil meiner Erkrankung, den ich vor meinen Eltern nie und nimmer breitlatschen werde. Ich wollte in Ruhe gelassen werde. Von daher war ich zu Hause wieder "gut drauf".

Ging dann hoch in mein Zimmer, weil ich niemanden sehen wollte und habe mich an meinen Laptop gesetzt, um eine Mail zu beantworten. Auf einmal ging der Laptop aus, Up-Date oder son Scheiß. Ich bin unglaublich aggressiv geworden, diese typische Borderline-Aggressivität, die ich immer versuche zu beschreiben. Die Mail, an der ich eine halbe Stunde geschrieben habe, war natürlich weg und irgendwie ging mein Laptop nicht mehr an. Beim Hochfahren blieb er immer hängen.

Ich habe meinen Kopf ins Kissen gedrückt und mich mit den Knien auf meine Hände gesetzt, weil ich genau wusste, dass ich diesen Laptop zerschlage, wenn ich mir auch nur ein paar Sekunden die Chance dazu biete... es wäre nicht der erste Laptop gewesen und in dem Moment wäre es mir auch am Arsch vorbei gegangen, dass das Teil 600 Euro gekostet hat.

Ich habe bestimmt ne viertel Stunde so in meinem Bett "gekniet" und es hätte wahrscheinlich wundervoll in jeden Psychofilm gepasst. Wenn ich so aggressiv bin wie eben (ich bemühe mich gar nicht erst, weil man sich das nicht vorstellen kann, aber gewisse Personen inklusive mir könnte ich mit diesem Aggressionspotential ohne weiteres aufschlitzen oder blutig treten... wenn ich da an den Lehrer denke, der mich missbraucht hat oder diverse andere Männer...), fehlt mir einfach die Luft zum atmen und ich werde total hysterisch bei dem Versuch, mich irgendwie zu kontrollieren. Die ganze Zeit habe ich vor meinem inneren Auge nur den bildlichen Wunsch sehen können, mir den ganzen Unterarm aufzuschlitzen und ich hätte es garantiert gemacht... und mein Papa hätte mich garantiert auch in die chirurgische Ambulanz fahren müssen...

Die Aggression ist einfach nicht weniger geworden und ich war eh nur noch halb da (weiß jemand, was eine Dissiziation ist?). Ich hab mir gedacht "Jetzt oder nie" und bin aufgesprungen und wie blöd zu meinem Skillskoffer gelaufen (Skills sind Fertigkeiten, die destruktive Verhaltensweisen wie SVV ersetzen sollen, allerdings ist es sehr schwer, das gelernte umzusetzen und was zu finden, was wirklich hilft). Ich habe nach meinem Ammoniak gekramt und nach einem Knetball und hab mich damit in die Ecke an die Tür gesetzt, damit auch niemand reinkann. Den Knettball gedrückt wie blöd und meine Zähne taten danach noch weh, aber irgendwo musste die Aggression hin, während ich am Ammoniak gerochen habe. Mir kam das vor wie eine halbe Ewigkeit, während das Ammoniak gaaaanz langsam anfing, seinen Zweck zu erfüllen. Ich bin irgendwie ruhiger geworden, ich denke in Wahrheit waren es nur 5min oder so aber ich war schon wieder nicht ich (Depersonalisation? Derealisation?) und dann habe ich kein Zeitgefühl mehr. Auf jeden Fall konnte ich richtig spüren, wie die Aggression weniger wurde. Es hat sich angefühlt, als hätte jemand den Stöpsel aus dem Abfluss gezogen und die Aggression könnte wie Wasser aus mir abfließen, irgendwohin. Ich hab das Ammoniak nicht mehr gebraucht und den Knetball auch nicht, weil es auf einmal ganz anders war. Ich hab ewig nur in meiner Ecke gesessen wie ein Häufchen Elend und habe geheult, als hätte ich nie wieder die Möglichkeit dazu. Und ich glaube in meinem ganzen Leben kam es erst einmal vor, dass mir Weinen so gut getan hat. Da vor vorher diese unbarmherzige Aggression war, war auf einmal wieder tiefe Trauer, aber wirklich tief. Ehrlich und echt und ich glaube, ich konnte zum ersten Mal alles beweinen, was in den letzten Jahren war.

Und noch etwas anderes: nämlich die Erkenntnis.

Im Nachhinein denke ich, dass hinter der Aggression immer Trauer verborgen liegt. Die Aggression zerreißt dich vielleicht, aber Trauer bedeutet dafür Auseinandersetzung. Die Trauer hatte ja auch lange Luft, nur als ich zurück nach Hause musste, musste ja auch die Trauer verschwinden. Aber nur, weil ich unser Haus betrete, ist ja noch längst die Trauer nicht weg. Vielleicht war es so, dass ich dann in meinem Zimmer, ausgelöst durch diese Laptopsache, die krasse Aggression empfunden habe als "Ersatzgefühl", weil die Trauer "nicht durfte"?

Und irgendwie habe ich vielleicht den richtigen Moment erwischt und das Ammoniak hat geholfen, die Aggression als "Fake" zu entlarven und der Trauer Freiheit zu verschaffen.

Ich habe es NOCH NIE geschafft, irgendeinen Skill bei so hoher Anspannung anzuwenden. Normalerweise hätte ich mich sehr tief geschnitten, eigentlich war das auch mein größter Wunsch. Wenn man es genau nimmt, habe ich es noch nie geschafft, einen Skill erfolgreich anzuwenden bei einer auch nur annähernd so hohen Anspannung. Und vielleicht habe ich grade für mich auch noch eine andere Funktion des Skillens entdeckt: Hätte ich mich geschnitten, wäre danach in mir wieder Stille gewesen. Eigentlich ist das der einzige Zustand, den ich noch ertrage, ohne an Suizid zu denken. Aber wenn in mir Stille gewesen wäre, hätte ich auch nie erkannt, dass die Aggression nur ein Schrei meiner Seele war, weil ich ihr so wehgetan habe damit, dass ich die Trauer einfach wieder eingesperrt habe. Und durch das Skillen war ich "danach" nicht einfach tot, sondern konnte etwas Neues sehen, was ich noch nie zuvor gesehen habe, weil da noch Emotionen waren.

Und als die Trauer sich Luft gemacht hatte, war da irgendwie noch etwas anderes. Also auch ein Gefühl, das ich aber leider nicht genau identifizieren kann. Irgendwie war ich auf der einen Seite immer noch so traurig und depressiv und hoffnungslos, aber auf der andern Seite war da eben das unbekannte Gefühl und das war... was? Ich weiß nicht, ob es positiv war, aber es war irgendwie "magisch". Das klingt total bescheuert, aber das Wort trifft mein Empfinden am besten. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas jemals gefühlt zu haben, aber ich glaube mittlerweile, dass das Gefühl "Zufriedenheit" war.

Nicht Zufriedenheit mit mir selbst, das wäre zu viel erwartet. Aber sowas wie die Zufriedenheit der Seele. Ich weiß, wie der ganze Eintrag hier klingen muss, aber ich glaube wirklich, meine Seele war zufrieden. Weil sie zum ersten Mal in 20 Jahren von mir gehört wurde.

 

Ich glaube zwar nicht, dass ich damit jetzt das Problem "Aggression" gelöst habe, weil der Skill nicht "Aggressionsmindernd" gewirkt, sondern "irgendwie anders"... das ist schwer zu beschreiben... aber darum geht es mir auch gar nicht. Es ist mir auch fast egal, dass zum ersten Mal ein Skill für mich funktioniert hat und ich heute tatsächlich nicht mehr zum Nähen muss...

 

Es geht mir irgendwie mehr um dieses Gefühl da, das unbekannte... Es fühlt sich einfach so paradox an, so lebens-müde und traurig zu sein und gleichzeitig ist da immer noch dieses Unbekannte, ich nenne es Zufriedenheit (der Seele), das irgendwie in mir nachhallt und das "magische" Gefühl ist unbeschreiblich... und eben diese Erkenntnis, dass hinter der Fassade der Aggression die Trauer darauf wartet, dass man sie raus lässt, selbst wenn das vielleicht nur die halbe Zeit der Fall ist. Es ist auch erstmal egal, ob ich das irgendwann wieder schaffe oder nicht. Es geht viel mehr darum, was das bedeutet.

Es kommt mir gerade so vor, als hätte ich gerade zum ersten Mal in meinem Leben Zugang zu mir selbst und in dem Moment eben hat sich das für einen Augenblick auch nicht mehr "fremd" angefühlt. Ich weiß selbst nicht so genau. Vielleicht ist es ja genau das, was bei mir "kaputt" ist. Und vielleicht fühlt sich das so an, wenn man sich selbst sehen kann und sich nicht fremd ist. Eben wenn man "gesund" ist. Das wäre einfach so ein krasser Unterschied... oder vielleicht ist der Unterschied wirklich so krass, nur dass gesunde Menschen das einfach nicht so märchenhaft wahrnehmen (können), weil sie nicht wissen wie es ist, wenn man in "unserer" Welt lebt...

Ich hab darin zumindest das wiedererkannt, was uns die Therapeuten auf der Borderlinestation so lange versucht haben zu erklären... den Unterschied zwischen den Fähigkeiten, die gesunde Menschen einfach entwickelt haben im Bezug auf sich selbst und den Fähigkeiten, die "wir" eben nie entwickelt haben...

 

Ich bin einfach so "geflasht"... ich hasse das Wort, aber ich bin absolut geschafft. Ich bin unendlich depressiv, ich heule seit dem immer wieder und bin gleichzeitig so fasziniert davon, was eben in mir abgegangen ist.

Das klingt alles so krank, aber ich kann das schlecht beschreiben... ich kann das weder unter "gut" noch "schlecht" verbuchen (was meine Welt sowieso immer durcheinander bringt... schwarz-weiß-denken, you know?)... "magisch" kling nach wie vor nach Märchen, aber mir fällt kein besseres Wort ein.

Ich bin total verwirrt...

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Kommentare: 1
  • #1

    Centrifugal Juicer (Dienstag, 16 April 2013 02:59)

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